FRANK SCHIRRMACHER "REISST" DAS RICHTIGE THEMA AUF

Thema Bürgerliche Werte in der Frankfurter am Sonntag

In der heutigen Ausgabe der FAS: Bürgerliche Werte "Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat" Im bürgerlichen Lager werden die Zweifel immer größer, ob man richtig gelegen hat, ein ganzes Leben lang. Gerade zeigt sich in Echtzeit, dass die Annahmen der größten Gegner zuzutreffen scheinen. Von Frank Schirrmacher


Berlin -Ich habe den Artikel auf Facebook empfohlen und ein Weissenseer Künstler kommentierte dies:  "Das aktuelle System ist m.E. alles Mögliche, aber nicht konservativ. Konservativ heißt erhalten. Was bitteschön wollen Banken und Spekulanten erhalten. Für ein Prozent mehr Profit, verkaufen sie ihre Großmutter und unsere Welt. Das Motto der Neoliberalen wurde erweitert zu: DER MENSCH GEHT VOR ... die Hunde!" Eine frühe Schulfreundin, die mittlerweile an der Küste wohnt und politisch eher recht links empfindet - was unseren Meinungsaustasuch aber nicht stört, las diesen Themanaufriß ebenfalls und "teilte" ihn, woraus sich folgender kurzer Kommentarwechsel ergab: "Da war ich mit der gleichen Empfehlung zuerst ;-). Von zwei Seiten kommend, nach den richtigen Lösungen suchend, empfehlen wir die gleiche Lektüre. Das gibt Mut. Das ist sogar ernst gemeint ;-), weil wir nur so gemeinsam zu guten Ergebnissen für alle.kommen. Schönen Sonntag, Dirk" "Der Artikel ist wirklich sehr gut und in der Tat für alle "Lager" bedenkenswert. Habe gerade erst gesehen, dass Du ihn auch geteilt hast. Und ich teile ebenfalls Deine Meinung! Dir auch einen schönen Sonntag :-)" Die jeweilige parteiinterne Diskussion ist weniger spannend. Die Frage, was gerecht ist und was als gerecht empfunden wird, geht über Parteigrenzen glücklicherweise hinweg. Wie definieren wir Leistung in unserer Gesellschaft? Sind große Einkommenunterschiede gerecht? Was muss ein Leben in Würde mindestens beinhalten? Ich maße mir nicht an, diese Fragen einfach beantworten zu können. Der Vergleich mit anderen Ländern trägt auch nur bedingt weit. Offensichtlich geht es uns allen in Deutschland im Vergleich sehr gut. Auch diejenigen, die statistisch als arm gelten, sind im Vergleich zu anderen Ländern sehr reich. Aber das ändert das subjektive Gerechtigkeitsempfinden nicht.  Die operativen Fragestellungen müssen wir vor dem Hintergrund unserer Gesellschaft beantworten. Lohngefälle, Transferleistungen, Mindestanforderungen an den Einzelnen, Individual- und Gemeinschaftsverantwortung.  Wenn das Gefühl aufkommt, Spekulanten würden ihre Gewinne privatisieren und ihre Verluste sozialisieren, muss uns dies nicht nur zu denken geben, sondern wir müssen dieses Problem lösen. Spekulation ist ein unabdingbarer Bestandteil unserer sozialen Marktwirtschaft. Die Wette auf eine Zukunftsannahme ist grundlegender Bestandteil jedes wirtschaftlichen Handelns. Aber mit welchem Geld wird da gewettet und wer haftet dafür, wenn die Wette nicht aufgeht? Der Deutsche Mittelstand ist der wichtigste Arbeitgeber und Ausbilder in Deutschland. Das sind nicht die internationalen Finanzmärkte. Mit der Schuldenbremse haben wir eine sehr wichtige Entscheidung getroffen, um unsere Haushalte zukünftig in Ordnung zu bringen. Internationale Spekulationen wird es wahrscheinlich immer geben und es ist unsere ordnungspolitische und haushaltspolitische Aufgabe, unser Land stark gegen Wetten gegen unsere Gesellschaft zu machen. Das ist eine Lehre aus der aktuellen Entwicklung auf den internationalen Finanzmärkten.  Auf Schuldenbasis finanzierte Konjunkturprogramme sind gefährlich, wenn diese nicht sehr schnell dazu führen, die neu aufgenommenen Schulden wieder zurückzuführen. Das ist bisher kaum gelungen, was nicht für weitere solcher Programme spricht. Starke Einkommenunterschiede, die durch verschieden gute, individuelle Leistungen nicht erklärt werden können, führen zu Unzufriedenheit. Ist dies gepaart mit Perspektivlosigkeit kann dies zu Agression führen, was wir gerade in Großbritannien beobachten konnten. Reflexartige Reaktionen auf diese Fragen führen sicherlich nicht weiter. Wie immer man "konservativ" politisch verstehen möchte, den recht plakativen Hinweis des Weißenseer Künstlers, dass es etwas mit "erhalten" oder wie ich es gerne beschreibe "bewahren" zu tun haben soll, ist richtig. Und wie immer man "links" oder "sozial" verstehen mag - wobei beide Begriffe in keinem inhaltlichen Zusammenghang stehen müssen -, die Ausgewogenheit der Lebensumstände des Einzelnen, die Transparenz der Unterschiede und die Nachvollziehbarkeit derselben sind unbedingte Voraussetzungen für das Funktionieren unserer Gesellschaft.  Bei allen politischen Entscheidungen, den großen wie den kleinen, werden wir dies berücksichtigen müssen.

© Dirk Stettner IMPRESSUM - DATENSCHUTZ

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