© Dirk Stettner IMPRESSUM - DATENSCHUTZ

  • Schwarz Twitter Icon
  • Schwarz Facebook Icon
  • Schwarz Instagram Icon

GEDANKEN ZUM TAGE UND DEN HEUTIGEN VERANSTALTUNGEN

13. August 2011 - 13. August 1961



Der heutige Tag ist dem Gedenken der Opfer der Teilung unseres Landes gewidmet. 50 Jahre nach dem Bau der Mauer und über 20 Jahre nach der Wiedervereinigung unseres Vaterlandes ist dieses Gedenken nach wie vor sehr wichtig und wird es auch immer bleiben. Niemals dürfen wir vergessen, was Unfreiheit bedeutet was Repression und totalitäre System mit den Menschen bereit sind zu machen, um ihre Macht zu erhalten. Mein heutiger Tag war einerseits diesem Gedenken gewidmet und andererseits dem Entgegenstellen gegen Extremisten, Unverbesserliche - gegen eine Demonstration der NPD. Da gab es leider auf beiden Seiten Menschen, die von diesem Tag etwas lernen könnten.


Morgens gedachten wir an seinem Grab und dem seiner Eltern in Weißensee dem damals 18 jährigen Maurergesellen Peter Fechter, der unter den Augen der Weltöffentlichkeit bei seinem Fluchtversuch grausam ermordert wurde.


Autor Sven Felix Kellerhof schilderte die Hintegründe:

35 Schüsse – Das lange Sterben des Peter Fechter

Am 17. August 1962 starb der Maurergeselle Peter Fechter qualvoll an der Berliner Mauer. WELT ONLINE zeigt bislang kaum beachtete Dokumente:


Heraus aus dem SED-Staat: Das ist alles, was Peter Fechter und sein Kollege Helmut Kulbeik wollen. Beide haben Verwandte in West-Berlin, die sie seit dem Bau der Mauer am 13. August 1961 nicht mehr gesehen haben. Beide träumen von der Freiheit, von einem Leben ohne ständige Ideologieberieselung und ohne Parteiappelle. Wann genau sich die 18-jährigen Freunde entscheiden, das Risiko einer Flucht nach West-Berlin einzugehen, ist unbekannt; es wird wohl im Mai 1962 gewesen sein. Ihren Eltern jedenfalls erzählen sie nichts von ihrem Plan.

Am 15. August 1962 suchen die beiden jungen Maurergesellen zum ersten Mal jene Stelle auf, an der sie die Mauer zu überwinden hoffen: die Zimmerstraße zwischen Markgrafen- und Charlottenstraße. Hier ist der Todesstreifen, an dem rund um Berlin bis dahin mindestens 26 Menschen getötet worden sind, nur rund 20 Meter breit. Fechter und Kulbeik hoffen, diese kurze Strecke schaffen zu können, bevor die Grenzpolizisten sie entdecken und unter Feuer nehmen. Sobald wie möglich wollen sie die Flucht wagen, in ihrer Mittagspause.

Der 17. August 1962 ist ein normaler Sommerfreitag. Fechter und Kulbeik haben sich in einer Kneipe am Hausvogteiplatz gestärkt, zusammen mit zwei Kollegen. Auf dem Rückweg trennen sich die vier. Die beiden jungen Männer sagen, sie wollten noch Zigaretten kaufen. Doch sie kommen nie wieder zurück zu ihrem Arbeitsplatz am Boulevard Unter den Linden. Statt dessen gehen sie in Richtung Sperrgebiet, das hier an den Häuserfronten auf der Südseite der Schützenstraße beginnt. Direkt dahinter beginnt die Sperranlage der innerstädtischen Sektorengrenze.

Bereits um 12 Uhr fallen Fechter und Kulbeik auf

Wie scharf die Überwachung hier ist, zeigt der noch am selben Tag geschriebene erste Bericht der Grenztruppen: Offensichtlich fallen Fechter und Kulbeik den späteren Todesschützen schon bald nach 12 Uhr auf; jedenfalls ordnet der Postenführer an, dass die zuständige Kontrollstreife „zwei männliche Personen in Arbeitskleidung“ kontrollieren solle. Kritisch hält der Bericht fest: „Die Kontrolle erfolgt nicht, weil die beiden Personen am Gemüseladen Brause tranken.“

Die beiden jungen Maurer haben nicht mitbekommen, dass sie den Grenzern bereits aufgefallen sind. Sie beginnen, ihr Vorhaben umzusetzen. Ihre Bauarbeiterkluft ermöglicht es ihnen, eine Tischlerei in dem Ruinengebäude an der Schützenstraße 8 zu betreten. Es grenzt an ein weiteres ungenutztes Haus, an der Zimmerstraße 72-74, dessen südliche Fenster sich zum Todesstreifen hin öffnen und nicht vermauert sind.

Wie lange die beiden sich hier herumdrücken und Mut für das kommende Wagnis sammeln, steht nicht fest. Als sich ihnen Stimmen nähern, handeln Fechter und Kulbeik. Sie wissen, dass sie in jedem Fall hinter Gitter wandern, wenn sie ohne Berechtigung in einem Grenzhaus aufgegriffen werden. „Versuchte Republikflucht“ heißt so etwas auf SED-Deutsch.

Kurz vor der Grenze fallen die tödlichen Schüsse

Es ist ziemlich genau 14.11 Uhr, als die Freunde aus einem Erdgeschossfenster hin zur Zimmerstraße springen, den ersten Stacheldrahtzaun überklettern und die rund zehn Meter zur Mauer spurten. Sie ist die einzige Sperre, die sie noch von der Freiheit trennt. Die besteht ein Jahr nach der Grenzsperrung noch aus grob gefügten Hohlblocksteinen mit Stacheldraht darauf, der zwischen ypsilonförmigen Trägern gespannt ist.

Doch kurz bevor sie die Grenze erreichen, fallen Schüsse. Der Posten 4 der IV. Grenzabteilung, Unterabschnitt 1, 4. Kompanie, bestehend aus dem Unteroffizier Rolf F. und dem Gefreiten Erich Sch., haben beobachtet, „wie eine männliche Person über den ersten Drahtzaun vor dem Zehn-Meter-Kontrollstreifen sich über den Drahtzaun schwang und den Zehn-Meter-Streifen durchlief. Im Abstand von zwei bis drei Metern folgte eine weitere männliche Person.“

Für die Grenzsoldaten, denen täglich Hass auf vermeintliche „Grenzverletzter“ gepredigt wird, gibt es nur eine Reaktion: „Der Unteroffizier F. eröffnete sofort das Feuer auf die im Zehn-Meter-Streifen befindlichen Personen. Die Entfernung betrug 40 bis 50 Meter. Insgesamt gaben der Postenführer 17 Schuss und der Posten sieben Schuss ab.“ Zwei weitere Grenzsoldaten am nächsten Posten hören die Schüsse, rufen noch einmal pro forma „Halt! Stehenbleiben! Grenzposten!“ und gaben danach „sofort“ einen Feuerstoß ab – angeblich als „Warnschuss“.

Helmut Kulbeik gelingt die Flucht über die Mauer

Helmut Kulbeik springt trotzdem die Mauer hoch, zwängt sich durch den Stacheldraht und lässt sich auf die West-Berliner Seite fallen. Im Bericht der Grenzpolizei heißt es: „Die erste Person befand sich bereits zu diesem Zeitpunkt direkt auf der Mauer, so dass der Postenführer nicht mehr schießen konnte, da die Schüsse sonst in Richtung West-Berlin, Springer-Konzern geflogen wären.“

Peter Fechter dagegen zögert, wie sein Freund später berichtet, ein paar Sekundenbruchteile, bleibt „wie angewurzelt stehen“. Kulbeik ruft ihm noch zu: „Nun los, nun mach doch.“ Doch er rührt sich nicht – damit bietet er ein optimales Ziel. Im Grenzer-Bericht liest sich das so: „Der Postenführer vom Posten 3 sprang in den Graben und führte auf den zweiten Grenzverletzer gezieltes Feuer.“ Die Kugeln erreichen ihr Ziel: „Die zweite Person wurde beim Anspringen an die Mauer getroffen, rutschte von der Mauer zurück und stellte sich hinter die Mauerverstärkung, wo sie der Posten nicht mehr sehen konnte.“

Offensichtlich hat der verletzte Fechter seine Fluchtabsicht aufgegeben. Doch das reicht den DDR-Grenzern nicht, deren Aufgabe es den gültigen „Schusswaffen-Gebrauchsbestimmungen" zufolge ist, „Grenzverletzer“ auf jeden Fall aufzuhalten: „Der Postenführer 3 lief den Graben entlang, um in eine günstigere Schussposition zu kommen. Vom Posten 4 wurden mehrere Feuerstöße auf die Person abgegeben; die Person brach daraufhin an der Mauer zusammen und schrie um Hilfe.“ Insgesamt, so vermerkt es der Stasi-Bericht exakt, werden 35 Schüsse abgegeben – nicht gerechnet die Signalkugel, mit der die Grenzer die benachbarten Posten über den „Grenzdurchbruch“ informieren.

"Bild"-Fotograf dokumentiert den Todeskampf

Auf der anderen Seite der Mauer ist in diesem Moment Wolfgang Bera unterwegs. Der Fotograf der Berlin-Ausgabe der „Bild“-Zeitung ist gerade auf dem Weg zu seiner Redaktion an der Koch-/ Ecke Markgrafenstraße. Plötzlich hört er Schüsse peitschen. Bera rennt zur Mauer; auch auf West-Berliner Seite befindet sich hier ein abgeräumtes Ruinengrundstück. Doch er sieht nichts. Da bemerkt er plötzlich eine Bewegung: „Ich will schon wieder gehen, da sehe ich im vierten Stock im Haus gleich auf der Ostseite eine alte Frau. Sie zeigt mit dem Finger auf die Mauer neben mir.“ Bera versteht sofort: „Da muss einer liegen. Ich klettere an der Mauer hoch. Die war damals noch aus Ziegeln gemauert. Obendrauf Moniereisen mit Stacheldraht. Da sehe ich ihn: Ein junger Mann, direkt unter mir.“ Der Fotograf reagiert instinktiv und drückt einige Male auf den Auslöser. Seine Bilder, darunter einige erst jetzt wieder aufgetauchte Aufnahme, belegen, dass sich Fechter noch hin und her windet.

Dann rennt Bera hinüber zum Checkpoint Charlie und bekniet die US-Militärpolizisten dort, den Schwerverletzten aus dem Todesstreifen herauszuholen. Doch die GIs greifen nicht ein; sie haben per Telefon klare Anweisungen bekommen: „Bleiben Sie standhaft. Tun Sie nichts!“

Innerhalb weniger Minuten locken die Schüsse und das aus geringer Entfernung zu vernehmende, aber immer schwächer werdenden Schreie des verletzten Fechter mehrere Dutzend West-Berliner an; auch einige Polizisten sind dabei. Sie drängen zunächst die empörten Zivilisten einige Meter zurück – auf jeden Fall soll es keinen Anlass für eine Eskalation geben.

Vergeblich wimmert Peter Fechter um Hilfe

Einige Beamte lehnen eine Leiter an die Mauer, klettern hinauf und versuchen, dem Schwerverletzten zu helfen. Sie werfen ihm sogar Verbandspäckchen zu – eine hilflose Geste. Im Stasi-Bericht, der einen Tag später an Erich Honecker geht, heißt es mit empörtem Unterton: „Auf West-Berliner Gebiet legten Westpolizisten und Zivilpersonen unter Verletzung des Territoriums der DDR (die Grenze verläuft in diesem bereich ca. 1,50 Meter hinter der Sicherungsmauer) eine Leiter an die Grenzmauer an und versuchten, die verletzte Person zu bergen.“

Das gelingt natürlich nicht, denn von der Mauerkrone ist zu erkennen, dass sich mehrere DDR-Grenzer mit Waffen im Anschlag in Deckung befinden und bereit sind, auf jeden zu schießen, der in den Todesstreifen klettert. Doch ihrerseits Fechter zu helfen, sind sie auch nicht bereit. Um ihn zu erreichen, müssen die DDR-Grenzer ihrerseits über das „freie Schußfeld“ des Todesstreifens – und sie fürchten, sie könnten von West-Berlin aus beschossen werden. Immerhin sind erst wenige Wochen zuvor und ganz in der Nähe bei zwei aufgeflogenen Tunnelfluchten der Grenzpolizist Reinhold Huhn und der Fluchthelfer Siegfried Noffke erschossen worden. Also lassen die Wachen den Schwerverletzten lieber liegen. Rund 50 Minuten lang wimmert der tödlich getroffene Mann um Hilfe, die ihm nicht gewährt wird.

Erst kurz nach 15 Uhr werfen die DDR-Grenzer eine Nebelgranate und transportieren in deren Schutz Fechters leblosen Körper ab. Durch Zufall hält der Ost-Berliner Fotograf Dieter Breitenborn das in Fotos fest. Er arbeitet für die Parteizeitung der Ost-Berliner CDU „Neue Zeit“ und darf deshalb das Verlagsgebäude des Blattes an der Ecke Zimmer- und Friedrichstraße mit Sondergenehmigung betreten. Er wundert sich, dass auf dem Todesstreifen kein Grenzer zu sehen ist und entdeckt erst auf den zweiten Blick, dass sich die Wachen mit ihren Maschinenpistolen im An-schlag in Deckung halten.

Beras Foto vom Mauertoten geht um die Welt

Breitenborn schraubt ein Teleobjektiv auf seine Kamera und macht, was ein Fotograf eben tut. Die Bilder, die er gegen 15.10 Uhr aufnimmt, wird er erst Jahrzehnte später zum ersten Mal sehen. Denn noch am selben Abend lässt die Staatssicherheit den noch unentwickelten Film „sicherstellen“. Erst in den Unterlagen der Birthler-Behörde tauchen sie vor einigen Jahren wieder auf.

Die Sequenz von zwölf Bildern, die noch nie vollständig veröffentlicht wurde, zeigt, wie brutal die DDR-Grenzer mit dem Schwerstverletzten Fechter umgehen. Direkt an der Mauer und unter dem Schutz eigens geworfener Nebelgranaten tasten sich zwei Grenzer mit Waffen im Anschlag zu Fechter vor. Einer der beiden nimmt den Verletzten auf die Arme und schleppt ihn in Richtung Friedrichstraße. Nach vielleicht 30 Meter muss er verschnaufen, legt Fechter ab – ziemlich genau dort, wo die Mauer die Charlottenstraße unterbricht. Die beiden Grenzer warten, bis zwei weitere Männer heran kommen. Zu viert tragen sie den Sterbenden quer über den Todesstreifen und hieven ihn über den Stacheldraht.

Auf der anderen Seite der Mauer wartet Wolfgang Bera. Er ist sich sicher, dass er hier noch ein Motiv vor sein Teleobjektiv bekommt. Tatsächlich gelingt ihm noch ein Foto, das um die Welt geht. Es prangt am 18. August 1962 auf der Titelseite der „Berliner Morgenpost“ und ist seither ungezählt oft gedruckt und gesendet worden. Das Bild zeigt drei Grenzpolizisten, wie sie den leblosen Körper von Fechter über den hinteren Stacheldrahtzaun heben – allerdings nicht die Todesschützen, sondern den zuständigen Offizier Heinz Schäfer und drei niedere Chargen. Viele Betrachter fühlen sich an die Abnahme Jesu Christi vom Kreuz erinnert – tatsächlich folgt Beras Bild zufällig genau bekannten Darstellungen dieses biblischen Motivs.

Erst 1997 werden die Todesschützen verurteilt

Noch am selben Nachmittag wird auf West-Berliner Seite der Mauer, genau an der Stelle des tödlichen Treffers, ein Holzkreuz errichtet. Im Stasi-Bericht steht darüber: „Ferner wurden am 17. August 1962 um 17.30 Uhr gegenüber dieser Stelle durch Zivilisten ein Holzkreuz aufgestellt und Blumen abgelegt, und auch in den Mittagsstunden des 18. August 1962 wurden diese Demonstrationen fortgesetzt, wobei West-Berliner Personen erkannt wurden, die bereits am 13. August 1962 provokatorisch in Erscheinung traten.“

Seit 1999 steht in der Zimmerstraße an der Todesstelle von Peter Fechter die vierte und endgültige Fassung des Denkmals, eine rostrote Stahlsäule; das originale Kreuz kann ganz in der Nähe im Museum Haus am Checkpoint Charlie besichtigt werden. Die Todesschützen, die noch am Tag ihres fatalen Treffers von ihren Vorgesetzten belobigt worden waren und Geldprämien erhielten, wurden übrigens im März 1997 zu 21 und 20 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt; der dritte Grenzpolizist war bereits verstorben.





(Quelle: Chronik der Mauer)

Nachmittags bzw. abends gedachten wir an der Klemkestraße Horst Frank, dem in Weißensee arbeitenden Gärtner, der bei seinem Fluchtversuch ebenfalls erschossen wurde.

Sein Schicksal ist u.a.von Christine Brecht in der Chronik der Mauer beschrieben:

Frank, Horst

geboren am 7. Mai 1942

erschossen am 29. April 1962

in der Kleingartenanlage "Schönholz"

an der Sektorengrenze zwischen Berlin-Pankow und Berlin-Reinickendorf

Schon seit dem Mauerbau ist das Gebiet um den S-Bahnhof Wilhelmsruh im Ost-Berliner Bezirk Pankow ein Schwerpunkt der Fluchtbewegung. Immer wieder gelingt es Flüchtlingen, in dieser Gegend die Sperranlagen zum West-Berliner Bezirk Reinickendorf zu überwinden. Am 29. April 1962 jedoch vereiteln dort DDR-Grenzposten mit Waffengewalt einen Fluchtversuch. Gegen 00.30 Uhr versucht der 19-jährige Horst Frank, wie es im DDR-amtlichen Sprachgebrauch heißt, nach West-Berlin "durchzubrechen". Er hat einem Rapport der Grenzpolizei zufolge "bereits den zweiten Drahtzaun überstiegen, als er durch unsere Posten angerufen wurde. Da F(rank) die Flucht fortsetzte, wurden durch unsere Posten sieben Zielschüsse abgegeben. F(rank) wurde in das VP-Krankenhaus überführt, wo er gegen 4.00 Uhr verstarb."

Der Ost-Berliner Grenzrapport, der den gewaltsamen Tod des jungen Mannes dokumentiert, lässt kaum erahnen, wie sich das Geschehen, in das zwei Flüchtlinge und drei Grenzposten verwickelt sind, tatsächlich abgespielt hat. Als Horst Frank in dieser Nacht erschossen wird, ist er unmittelbar vor dem Ziel. Vier Stunden lang ist er zusammen mit Detlev W. durch den Grenzstreifen gerobbt. Es gelingt ihnen, unbemerkt bis zum letzten Sperrelement, einem dreifachen Stacheldrahtzaun, zu gelangen. Sein Freund hat Glück. Er entgeht den Blicken der Wachposten und kann nach West-Berlin entkommen. Horst Frank hingegen wird von zwei Grenzern entdeckt. Aus 20 Metern Entfernung eröffnen sie das Feuer auf den am Boden liegenden Flüchtling. Durch die Schüsse aufmerksam geworden, nimmt auch ein dritter Grenzposten den 19-Jährigen, der sich längst hoffnungslos im Stacheldraht verfangen hat, unter Beschuss. Horst Frank wird insgesamt dreimal getroffen. Er erleidet einen Bauch-Lungen-Durchschuss, der wenig später zum Tod führt.

Tatsächlich ist Horst Frank, nachdem er aus dem Stacheldrahtzaun geborgen wird, nur noch für kurze Zeit am Leben. Das hält die DDR-Behörden allerdings nicht davon ab, ein Ermittlungsverfahren wegen "versuchten Grenzdurchbruchs" gegen ihn einzuleiten. Wie aus Unterlagen des Ministeriums für Staatssicherheit hervorgeht, wird umgehend Haftbefehl gegen den schwer verletzten Jugendlichen beantragt, seine Überführung in die Haftabteilung des Volkspolizei-Krankenhauses veranlasst und sogar seine baldige Vernehmung in Aussicht genommen. Doch ohne das Bewusstsein wiederzuerlangen, verstirbt Horst Frank noch in derselben Nacht. 

Wer den tödlichen Schuss abgegeben hat, kann, als sich die drei Schützen Jahrzehnte später vor Gericht verantworten müssen, nicht mehr geklärt werden. Dennoch werden sie des gemeinschaftlich begangenen Totschlags für schuldig befunden und zu Bewährungsstrafen von einem Jahr und sechs bzw. einem Jahr und drei Monaten verurteilt.

Horst Frank stammt aus Sachsen. Er ist am 7. Mai 1942 in Lommatzsch geboren. Nachdem er eine Gärtnerlehre absolviert hat, zieht er wenige Monate vor dem Mauerbau nach Ost-Berlin. Dort arbeitet er bei einem staatlichen Gartenbaubetrieb im Bezirk Weißensee und teilt sich mit Kollegen im betrieblichen Wohnheim eine Gemeinschaftswohnung. Als er im Frühjahr 1962 die Osterfeiertage bei seinen Eltern in Lommatzsch verbringt, kommt er mit dem zwei Jahre jüngeren Detlev W. ins Gespräch. Die beiden Jugendlichen, die sich seit ihrer Kindheit kennen, stellen fest, dass sie eine Gemeinsamkeit haben: Sie wollen die DDR verlassen. Wie Detlev W. später zu Protokoll gibt, steht bei ihm der Wunsch im Vordergrund, seinen leiblichen Vater kennen zu lernen, der im Westen lebt. Über die Fluchtmotive seines Freundes äußert er sich nicht. Vermutlich spielt die Tatsache eine Rolle, dass Horst Franks Einberufung zur Nationalen Volksarmee unmittelbar bevorsteht, nachdem in der DDR die allgemeine Wehrpflicht im Januar 1962 gesetzlich eingeführt worden ist. Sein Musterungsbescheid trägt das Datum des 23. März 1962 und gehört zu den wenigen Dingen, die Horst Frank bei sich hat, als er erschossen wird.

Die beiden Freunde beschließen, die Flucht gemeinsam zu versuchen. Eine Woche später, es ist der 28. April 1962, treffen sie sich in Ost-Berlin wieder, um ihr Vorhaben zu realisieren. Inzwischen hat Horst Frank an der innerstädtischen Sektorengrenze eine Stelle ausgekundschaftet, die ihm für einen Fluchtversuch geeignet erscheint: die Kleingartenkolonie "Schönholz" im Norden der Stadt, die an den West-Berliner Bezirk Reinickendorf grenzt. Von dort aus nähern sie sich, als es dunkel geworden ist, mit Drahtscheren ausgerüstet den Grenzanlagen. Sie durchschneiden den Hinterlandzaun und befinden sich nun im Grenzstreifen, ein freies Feld, wie sich Detlev W. erinnert, das ungefähr 80 Meter breit ist. Horst Frank hat die Flucht offenbar gut vorbereitet. Statt hektisch zu werden und loszulaufen, legen sich die Beiden hin und bahnen sich langsam und vorsichtig einen Weg. Immer wieder halten sie an und ducken sich, um den Blicken der Grenzposten zu entgehen. Einen Stolperdraht sehen sie rechtzeitig und überwinden ihn, ohne Alarm auszulösen. Als Detlev W. den Grenzzaun erreicht hat, hört er plötzlich Schüsse, merkt aber nicht, dass sein Begleiter getroffen wird und im Stacheldraht liegen bleibt. Auch auf der anderen Seite des Grenzzauns sind die Schüsse der Grenzposten zu hören. Anwohner, Polizei und Angehörige der französischen Militärpolizei beobachten den Abtransport des schwer verletzten Flüchtlings. Da Horst Frank keine Lebenszeichen mehr von sich gibt, geht man im Westen davon aus, dass er tödlich getroffen worden ist. Am nächsten Tag stellen Anwohner ein Holzkreuz auf.

Vier oder fünf Tage vergehen, bis Stasi-Mitarbeiter die Angehörigen des Toten verständigen und die Leiche freigeben. Am 12. Mai 1962 findet in Lommatzsch die Beerdigung statt.

Seit mittlerweile 13 Jahren gedenken wir seinem Schicksal stellvertretend für diejenigen Opfer, die ihr Wunsch nach Freiheit in den Tod geführt hat. Freiheit, das Leben ohne Mauer, das Recht zur freien Meinungsäußerung erscheinen uns oft eine Selbstverständlichkeit zu sein. Das Beispiel dieser beiden Opfer zeigt uns die Besonderheit unseres freien Lebens. Das Gedenken ist wichtig, auch wenn es oft leider nicht öffentlich stark wahrgenommen wird. 

Es gebührt den Opfern der Deutschen Teilung und reflektiert und schärft unseren Blick auf die aktuelle Politik. Es gibt immer noch viele Mauern, symbolische wie die zwischen arm und reich, jung und alt und faktische in anderen Ländern. Günter Nooke, der Afrika-Bauftrage der Bundesregierung, hat in seiner heutigen, nachdenklichen und sehr passenden Rede darauf hingewiesen, dass die faktischen Mauern heute Menschen davon abhalten sollen, in ein Land zu kommen. Auch das ist meist falsch und oft zu kritisieren. Aber das sind andere Mauern. Die deutsch-deutsche Mauer war eine Gefängnismauer und der Versuch, diese zu überwinden wurde viel zu oft mit dem Tod bestraft.

Wer diese Vergangenheit leugnet oder versucht zu relativieren, sollte in unserem Land politisch keinen Einfluss haben dürfen.

Zwischen diesen beiden Gedenkveranstaltungen habe ich mich zusammen mit einigen Freunden der CDU Pankow an der Gegendemonstraktion gegen die NPD-Veranstaltung an der Bösebrücke beteiligt. Wir hatten dies bereits am 01. Mai getan und auch diesmal haben alle demokratischen Parteien zusammen in Form einer gemeinsamen Presserklärung und eben auch vor Ort gezeigt, dass die Ewiggestrigen keinen Platz in unserem Bezirk haben. Ob von links oder von rechts: Extremisten darf kein Raum gegeben werden.

Diese Gegendemonstration war ein Erfolg und die Einsatzkräfte der Polizei haben eine sehr gute Arbeit geleistet. Soweit ich dies verfolgen konnte, kam es zu keinen Rangeleien und die 57 Rechtsradikalen waren für sich alleine und zogen wieder ab.


(Stephan Lenz, Stefan Blauert, Dirk Stettner, Tobias Schmidt, Martin Federlein)

Leider war auch bei dieser Veranstaltung wieder einiges an Gedankengut laut zu hören, was auf einer Gegendemonstration der demokratischen Kräfte nichts verloren hat. Die Polizisten wurden beschimpft und beleidigt und aus mitgebrachten Lautsprechern wurden linksradikale, gewalttätige Texte abgespielt, Deutschland wurde als Polizeistaat tituliert.

Gerade an diesem Tag, gerade im Zusammenhang mit den eben dargestellten Gedenkveranstaltungen sind diese Äußerungen umso irrsinniger. Wir leben in einem Land, in dem wir unsere Meinung frei äußern dürfen, wir dürfen alle kritisieren und sogar in Maßen beschimpfen, ohne Angst vor Repressalien haben zu müssen. Ich freue mich, das Glück zu haben, in diesem schönen Land geboren worden zu sein und leben zu dürfen. Wir leben in einem freien Land.

Einige wenige scheinen das nicht begreifen zu wollen. Auch diese Radikalen haben kein Platz am demokratischen Tisch - sie dürfen ihre Meinung sagen, wie alle Gruppierungen in Deutschland,  aber ernst nehmen, mit ihnen Politik gestalten können wir nicht.